Tatort Internet- ein reeller Selbstversuch

Veröffentlicht: 12. November 2010 von Sonja Greye in Familie
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Die neue TV-Sendung „Tatort Internet“ auf RTL 2 hat in den letzten Wochen ganz Deutschland polarisiert. Hier werden mutmaßliche Pädophile, gelockt von Volljährigen, die sich als Kinder ausgeben, in diversen Internet Chats geködert und vor laufender Kamera gestellt. Die Personen werden allerdings unkenntlich gemacht. Zwar gibt es eine breite Zustimmung für das Vorgehen in der Sendung, allerdings gibt es auch einige Menschen, die es als reißerisch und unpassend empfinden. Zugegeben, auf die meisten Formate, die auf dem Sender laufen, trifft dies durchaus zu. Aber auch hier?

Tatort Internet RTL 2

Nun habe ich den Selbstversuch gewagt…

Zunächst musste ich mir überlegen, wo ich chatten möchte. Gar nicht so einfach, denn ich musste mich erstmal wieder in die Rolle eines Teenagers versetzen und als ich selbst 14 war, gab es noch keine Internet Chats für Jugendliche. Da ich aber schon lange ICQ als Messenger nutze, habe ich mich im IRC Chat von ICQ angemeldet und bin dem Chatroom für Teenager betreten.


Hier meldete ich mich unter einem Pseudonym als 14 bzw. 13 jähriges Mädchen an und verdeutlichte, dass ich gerne chatten möchte. Innerhalb von wenigen Minuten hatte ich vier private Nachrichten von männlichen Chattern. Einer war selbst Teenie und auf den ersten „Klick“ harmlos. Zwei wollten sich mit mir direkt außerhalb des allgemeinen Chatrooms privat unterhalten und ein Letzterer fragte sofort, ob ich Interesse an einem Sextreffen habe.

Zunächst war ich absolut schockiert. Dass es so ablaufen würde, hatte ich nicht zu träumen gewagt. Nachdem ich mich gefangen hatte, ließ ich mich auf ein Chatgespräch ein, und spielte weiterhin die Rolle des naiven Mädchens. Im Gespräch kam sehr schnell heraus, was der Mann, der sich mit 18 Jahren ausgab, wollte:

er: magst du dich mal beschreiben?🙂
ich: hmmm was willst du denn wissen
er: wie du so aussiehst
ich: ich bin blond hab eher so lange haare also etwas über die schulter augen sind blau-grau
er: hmmm, sonst…dein koerperbau?🙂
ich: hmmm also ich bin schlank mache gerne sport
er: hoerst dich echt sexy an🙂 darf ich fragen, wie du obenrum aussiehst?🙂

Im Gespräch ging es dann noch etwas unanständiger weiter, was ich hier nicht erläutern möchte. Er war sehr bestimmend und wollte mich dazu bringen, eine Webcam anzubringen. Anhand seiner Fragen war er sehr leicht zu durchschauen, aber auch für eine 14 Jährige?

Damit ich das Gespräch besser archivieren und eventuell etwas über ihn herausfinden kann, setzten wir das Gespräch über den ICQ Messenger fort. Ich bekam seine ICQ Nummer, bei der aber nur ein Vorname im Profil hinterlegt war. Ich selbst hatte für mein Pseudonym einen eigenen Account angemeldet. Im weiteren Gespräch verdeutlichte er immer weiter, dass er Fotos von mir und meinen Brüsten haben wolle und versuchte mich mit allen Mitteln dazu zu überreden und zu drängen. Weiterhin gab er mir seine Email Adresse, damit ich ihm Bilder von mir schicken könnte. Mein vermeintliches Alter interessierte ihn allerdings nicht. Hatte ich mich zu Beginn des Gesprächs noch als 14 jähriges Mädchen ausgegeben, verschärfte ich nun die Situation, indem ich zugab, noch jünger zu sein:

(18:22:05) Sunny96: ich bin erst 13 geworden…
(18:22:26) Sunny96: aber alle sagen dass ich schon viel älter wirke….
(18:22:39) Sunny96: werde immer älter geschätzt
(18:22:54) er: ok🙂

Ich beendete irgendwann unter einem Vorwand das Gespräch und sah mich etwas verstört vor dem Computer sitzen. Ich bin eine erwachsene Frau und dies war mit Sicherheit noch ein Chat-Gespräch, das man in der Kategorie „mittelmäßig unanständig“ ansiedeln könnte, dennoch hatte mich die ganze Sache belastet. Wahrscheinlich weil ich selbst Mutter bin und niemals gedacht hätte, dass ein junges Mädchen so schnell in eine solche Situation gebracht werden könnte.

Auf Facebook diskutierte ich später mit einigen Freunden zu dem Thema. Auch hier waren die Leute wieder geteilter Meinung. Manche reagierten aggressiv „wenn ich so einen Typen erwische“, andere mit Gleichgültigkeit „das ändert doch eh nichts“ und wiederum einige mit Ablehnung „diese Art und Weise der Ermittlung ist nicht zielführend“.

Mein Fazit nach dem Selbstversuch

Das Internet bietet eine wunderbare Plattform für den schnellen Austausch, auch mit vermuteter Anonymität. Dass dies auch leicht missbraucht werden kann, ist klar und hat sich mir in meinem Selbstversuch deutlich gezeigt. Ich bin sehr wohl der Meinung, dass hiervon eine neue Gefahr für Kinder und Jugendliche ausgeht, die sich zwar rein technisch sehr sicher und versiert im Netz bewegen, aber noch nicht die Lebenserfahrung und Selbstsicherheit haben oder auch die soziale Kompetenz, mit Situationen wie dieser umgehen zu können.

Ich glaube nicht, dass all diese „Täter“ klassische Pädophile sind. Vielmehr sind es wohl Menschen, die sich auf Grund der oben genannten Vorteile des Internets zu gewissen Handlungen hingerissen bzw. gereizt fühlen. Einige würden ohne Internet wahrscheinlich nicht auf die Idee kommen, ein 13 jähriges Mädchen in einem Cafe anzusprechen. Das ändert allerdings nichts an der Tatsache, dass dieses Verhalten in unserer Gesellschaft moralisch verwerflich ist. Aber ändert die Aufdeckung Einzelner per Tatort Internet etwas an diesem Verhalten? Vielleicht ist der ein oder andere vorsichtiger geworden aber ich wage zu bezweifeln, dass nun sämtliche Chatter aus Angst vor „Tatort Internet“ ihre Aktivitäten einstellen.

Für mich hat die Sendung aber dennoch einen wichtigen Zweck erfüllt. Sie schockiert, polarisiert und macht somit das Thema öffentlich. Die Eltern müssen nämlich mit einer gewissen Botschaft erreicht werden: „Passt auf, was Eure Kinder im Internet machen. Informiert Euch, klärt auf und schützt Eure Kinder!“

Das kommt in diesem Werbespot sehr gut rüber:

Ich habe meine gesammelten Informationen an die Organisation Innocence in Danger weitergeleitet, diese empfiehlt nicht, solch einen Selbstversuch durchzuführen, sondern ruft auch zur Aufklärung im Umfeld auf. Ich habe diesen Test gemacht, um genau dies zu tun und Informationen an das Umfeld weiterzugeben. Da ich nicht wirklich 13 Jahre alt bin, hat sich der Chatter nicht strafbar gemacht und kann somit auch nicht belangt werden.

Kommentare
  1. Tina Doherr sagt:

    Liebe Sonja,
    ich finde Deinen Selbstversuch wirkich sehr mutig – und das Ergebnis mehr als erschreckend. Natürlich mag es Stimmen geben, die Deine Aktion vielleicht kritisieren, deren Nutzen in Frage stellen. Aber alleine die Tatsache, dass Du Deine Erfahrungen hier teilst, finde ich sehr wertvoll und wer weiß, wieviele Eltern Deinen Versuch wahrnehmen und möglicherweise daraufhin reagieren. Schließlich ist das keine trashige TV-Sendung, sondern real. So wie es eben auch in (Gott weiß, wievielen…) Kinderzimmern passiert. Klar hilft auch kein Blogartikel gegen all das Üble in den Köpfen dieser Männer. Aber er hilft vielleicht den Eltern dabei, die Augen zu öffnen und das offene Gespräch mit ihren Kindern zu suchen, damit diese den sensiblen Umgang mit dem Web erlernen.

  2. komashi sagt:

    Was glaubst du wieso Formate wie z.B. die Mini-Playbackshow so gut gelaufen sind? Weil sich soviele Eltern gern die Gesangskünste vom irgend so einem Gör anhören? Mit Sicherheit nicht. Tatsache ist, dass Pädophilie schon immer existiert hat und nicht erst seit Beginn des Internets. Wer seine Kinder aufgeklärt erzieht hat vom Internet wahrscheinlich weniger zu befürchten wie von Volksverdummungsapparaten wie RTL2 einer ist. Die Tatsache das solche Formate euch erst zum Denken anregen ist die eigentliche Tragik am Ganzen. Würg…

    • Sonja Greye sagt:

      Danke für deinen Kommentar. Ich hätte mir zwar etwas mehr Sachlichkeit gewünscht, aber gut. Nie habe ich in meinem Artikel behauptet, dass es Pädophile erst seit Existenz des Internets gibt. Vielleicht solltest du etwas genauer lesen.
      Ich finde es nicht „würg“ , dass Menschen durch solche Formate zum Denken angeregt werden. Es ist meiner Meinung nach völlig egal durch was. Es gibt Menschen, die Kinder haben und nicht viel Ahnung von Internet und den Gerfahren, die daraus resultieren können. Nicht jeder kann sich alle erdenklichen Gefahren und Abscheulichkeiten dieser Welt einfach so vorstellen. Der Zweck heiligt hier die Mittel.

  3. Sehr cooler Selbstversuch. Sicher ist es so, dass das Internet auf Gefahren birgt und da sollte man darauf achten & vorbereitet sein.

  4. Jugendschutz sagt:

    PÄDOPHILE im ICQ / IRC – CHAT

    auf http://www.icq.com

    http://rrpublizist.com/internet-tatort
    ______________________________________________________________

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