Die Würde nach dem Tod

Veröffentlicht: 21. Juni 2012 von Sonja Greye in Allgemein, Familie, Politik

Eine meiner Kontakte, Magdalena Marijanovic, hat sich mit einer unglaublichen Geschichte an mich gewandt, die mir bis heute nicht mehr aus dem Kopf geht. Mit dem Thema Tod beschäftigt man sich meistens erst, wenn es einen auch betrifft. Das Thema „Anonyme Bestattung“ und dass diese auch ohne das Wissen von Angehörigen vollzogen werden kann, war mir bisher selbst nicht bekannt. Nach dem was mir Magdalena berichtet hat, sollte in dieser Sache auf jeden Fall Aufklärung betreiben.

Die Geschichte von Kasimir E.

Magdalena hat mir die ganze Geschichte ihres Cousins Kasimir aufgeschrieben:

Mein geliebter Cousin, Kasimir E., ist am 03. Mai 2012 von uns gegangen. Er hinterließ eine große Lücke in unseren Herzen.
Für den deutschen Staat hinterließ er nur „unnötige“ Kosten, die aus den Steuergeldern bezogen werden müssen, um seine Verbrennung und die Urnenbestattung zu finanzieren.

Als Kasimir E., wie tausende seinesgleichen, 1985 nach Deutschland aus seiner Heimat Kroatien emigrierte, war er noch jung und gesund. Er wurde vom deutschen Staat mit offenen Armen empfangen. Er fand auch schnell eine Arbeitsstelle, wo er täglich mehr als 12 Stunden arbeitete und in die deutsche Steuerkasse viel Geld einzahlte. 1990 lernte er seine große Liebe kennen, Klara E. Deutscher Herkunft, woraufhin sie heirateten. Um es bei der Arbeitsbeschaffung in Zukunft leichter zu haben, übernahm er bei der Heirat ihren Nachnamen.
Die Jahre vergingen wie im Fluge und mein Cousin Kasimir nahm jede Arbeit an, die ihm vom Deutschen Arbeitsamt vermittelt wurde. Egal wie schwer die körperliche Arbeit auch sein mochte, er nahm alles ohne zu zögern, oder womöglich zu klagen, an. Er lebte bescheiden, aber glücklich. Mein Cousin war ein Mensch, der mit wenig zufrieden war. Er stellte keine Bedingungen und forderte auch nichts vom Leben. Er war jeden Tag mit dem Wenigen, das er besaß, stets zufrieden.
Doch dann kam der Wendepunkt in seinem Leben: 1996, nach nur 6 glücklichen Ehejahren, lernte seine Frau Klara einen neuen Mann kennen und verließ Kasimir von heute auf morgen. Mit gebrochenem blieb er, in einem ihm noch nicht zur Heimat gewordenem Lande, alleine zurück. Seinen Kummer ertrank er mit hoch Prozentigen, den es hier und dort günstig zu erwerben gab. Der Anfang vom Ende nahm seinen Lauf: Kasimir wurde in kürzester Zeit zum Alkoholiker. Er verlor nicht „nur“ seine große Liebe und damit gleichzeitig seinen einzigen Halt in einem ihm fremden Lande, sondern auch seine Arbeit, sein Geld und seine kleine Mietwohnung.
Er bekam einen ihm fremden „Sozialberater“ als gesetzlichen Vollmund zugewiesen, der sich nun um seine Behörden- Angelegenheiten kümmerte, die bisher seine Ex Frau Klara E. für ihn bearbeitet hatte. Sie war immer der einzige Grund für ihn gewesen, seiner Heimat Kroatien, den Rücken zu kehren. Mein Cousin hatte immer wieder mit den Gedanken gespielt, in seine Heimat zurück zu kehren. Doch nach dem Bürgerkrieg in Jugoslawien waren die meisten seiner Verwandten und Freunde gefallen. Das ehemalige Jugoslawien, das er als junger Mann verließ, existierte nicht mehr. Nichts war mehr so, wie es vorher einmal war.
Mein Cousin Kasimir, nun in die Jahre gekommen, lebte nun auf Kosten des Deutschen Staates. Aus der Steuerkasse, in die er vor Jahren selbst fleißig eingezahlt hatte. Seine Ex Frau Klara besuchte ihn regelmäßig zum 01. jeden Monats. Denn zu diesem Zeitpunkt war mein Cousin auf Staatskosten immer flüssig. Sie gingen gemeinsam essen,wie zu alten Zeiten, sie gingen shoppen und am Abend in ihre Lieblingskneipe. Alles auf Kosten meines Cousins, versteht sich von selbst. Die Jahre vergingen und diese Prozedur wurde zum gemeinsamen Ritual. Vom 05. jeden Monats an bis zum 30. bzw. 31. des Monats lebte mein Cousin Kasimir in voller Vorfreude auf den 1. Tag des Folgemonats.2006 erkrankte Kasimir an einer seltenen und nicht heilbaren Krankheit. Doch er lebte mit dieser Diagnose wie zuvor, jeden Tag so, als ob es sein letzter wäre. Er war immer noch mit dem Wenigen, das ihm zur Verfügung stand, zufrieden.
Er nahm regelmäßig seine Medikamente ein, trank Alkohol und freute sich über jede Einladung zum Kaffee wie ein kleines Kind. Er liebte den Kaffeegeruch, jeden Tag trank er mehrere Liter von dieser koffeinhaltigen Flüssigkeit. Die Ärzte rieten ihm selbstverständlich vom Alkohol- und Koffeingenuß ab. Er aber lächelte ihnen freundlich ins Gesicht und antwortete: „Sterben muss ich sowieso, ob mit oder ohne Alkohol und Koffein!“ Kasimir lebte länger, als die Ärzte es ihm diagnostizierten. Doch am Donnerstag, den 03. Mai 2012, war es soweit: Er schloss seine Augen zum Schlaf und öffnete sie nicht mehr.

So nun zu meinem Problem:
Mein Cousin wurde auf Staatskosten anonym verbrannt und begraben. Ohne Pfarrer, ohne Zeremonie, ohne ein Bestattungstermin, ohne Angehörige, ohne Grabstein, ohne einer Grabnummer. Denn all dies ist dem Deutschen Staat zu teuer! Der 1. Artikel unseres Grundgesetzes „Die Würde des Menschen ist unantastbar“ greift hier wohl nicht. Denn diese Menschenwürde hat vermutlich nur Anwendung auf ein lebendiges Menschenleben, aber wohl nicht auf ein vergangenes Menschenleben.
Der Staat befragte seine Ex Frau Klara E., ob sie bereit wäre sich an den Beerdigungskosten zu beteiligen, selbstverständlich freiwillig, denn es bestehe gesetzlich keine Pflicht für einen geschiedenen Ehegatten. Wie zu erwarten, lehnte sie ab, weil sie damit nichts zu tun haben möchte.
Meine Wenigkeit, eine angeheiratete Marijanovic, wurde nicht befragt!

Heute, den 10. Mai 2012, weiß ich nicht, ob und wo mein geliebter Cousin begraben wurde. Dabei würde ich ihm gerne die Ehre zuteil werden lassen und ihn besuchen gehen.
Meine abschließende Frage an euch ALLE:

„Ist das moralisch in Ordnung???“

Der Fall zeigt mal wieder, wie schnell man als Mensch eine Nummer werden kann. In solchen Fällen werden scheinbar nur die direkten Angehörigen gefragt, auch wenn diese vielleicht kein optimales Verhältnis zum Verstorbenen hatten. Magdalena und ihre Familie wäre gerne bereit gewesen, ein anständiges Begräbnis für ihren Cousin zu ermöglichen. Ich finde es tragisch, dass ihr diese Chance nicht gegeben wurde. Denn für die Trauer eines Menschen ist es wichtig, einen Ort dafür zu haben. Wir sollten alle mehr gegen die zunehmende Anonymisierung unserer Gesellschaft tun, denn letztendlich sind es auch wir, die irgendwann mal gehen müssen.

Kommentare
  1. Thorsten sagt:

    ……denn letztendlich sind es auch wir, die irgendwann mal gehen müssen……Leider ist es so, dass in unserer Gesellschaft fast jeder überzeugt ist, dass es sicher immer nur die anderen trifft und die dann auch selbst Schuld sind…! Ich habe dies in meinen privaten Umfeld schon oft erlebt und bin mir sicher, dass es ein Problem unserer Gesellschaft ist. Leider sehe ich, bis auf wenige Ausnahmen auch nicht, dass es hier zu einer anderen Haltung kommen wird. Wahrscheinlich kann zunächst erstmal jeder für sich selbst Vorsorge schaffen…..VG Thorsten

    • ezepke sagt:

      • Ja, was im Endeffekt dahinter steht, ist die Ethik, die in unserer Welt immer häufiger zu kurz kommt. Der Mensch als einzelner und auch in der Gemeinschaft zählt nicht mehr und der Staat nimmer sich aller orten das Recht heraus, über uns zu bestimmen und uns zu übervorteilen. Dabei wird keinerlei Rücksicht auf die Befindlichkeiten und das ethisches Empfinden des Einzelnen genommen. Leider lässt sich diese Tendenz in allen Lebensbereich immer häufiger erkennen. So machen sich viele alte Menschen Gedanken über eine Patientenverfügung, weil auch hier sonst der Staat die Entscheidung an sich reißt, gerade wenn die nächsten Verwandten weit weg wohnen. Was mich aber viel mehr erschreckt, ist der Umstand, dass die Menschen nicht mehr bereit sind, sich gegen diese Form der Bevormundung aufzulehnen. Es wird hingenommen, wie der Staat es einem vorsetzt. Die Kritikfähigkeit unserer Gesellschaft gegen derlei Auswüchse unseres vermeintlichen Rechtsstaats sinkt stetig.

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