Der vorprogrammierte Shitstorm bei der Millionärswahl

Veröffentlicht: 10. Januar 2014 von Sonja Greye in Allgemein, Social Media
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Ja, ich schaue eigentlich ganz gerne TV. Auch wenn es mittlerweile immer schwieriger wird im Free-TV angenehme und nicht zu flache Unterhaltung zu finden. Auf ProSieben bzw. Sat1 gibt es jetzt ein neues und lang angekündigtes Format: die Millionärswahl. Die Idee ist, dass es einen Millionär geben wird. Zunächst nichts Neues. Dieser soll jedoch von den Zuschauern demokratisch gewählt werden. Es geht also darum, einem anderen Menschen etwas zu gönnen, was man selbst gerne hätte. Klingt spannend wie ich finde und gestern lief hier die erste Folge, die einen jungen Breakdancer als Gewinner hervorbrachte, was allerdings mit einem Shitstorm endete.
Millionärswahl Benedikt

Moderner Gladiatorenkampf

Aber erstmal von Anfang an- auf der Website des Formats wird das Prinzip folgendermaßen beschrieben:

Das Prinzip: Registrieren, sich präsentieren, Stimmen sammeln! Mit Videos, Fotos oder Texten wird auf der eigenen Profilseite Wahlkampf betrieben. Wer die meisten Stimmen erhält, kommt eine Runde weiter. In vier Wahlgängen stimmen die Teilnehmer über die besten Kandidaten ab. Die erfolgreichsten 49 Kandidaten dürfen sich nach Ende der Online-Wahl in sieben großen Prime-Time-Shows und einem Finale live im TV präsentieren. Wer beeindruckt die Nation? Wer begeistert das Land? Und wer wird Deutschlands erster demokratisch gewählter Millionär?

Eine dieser Prime-Time-Shows lief also gestern Abend. Zunächst präsentierten sich junge Männer unter dem Namen „Beast Brothers„, die der Sportart Calisthenics nachgehen und eine wirklich bemerkenswerte Darbietung ihres Könnens ablieferten. Ein weiterer Kandidat sprang frei aus 60 Metern Höhe in ein Luftkissen. Shitstorm Millionärswahl Der Publikumsliebling war allerdings Ralf, der für seine kranke Patentochter Neele sagt: „alles für Neele„. Er habe kein besonders Talent, mache aber alles was man von ihm verlange, um das Geld seiner Patentochter und der Familie zukommen zu lassen. In der Show musste der Mann, der unter schrecklicher Höhenangst leidet, mittels House-Running eine Wand am Seil hinabsteigen. Was dann kam war wirklich beeindruckend und erschreckend zugleich. Obwohl schlotternd und kurz vor einem Zusammenbruch stehend erfüllte Ralf diese Aufgabe. Man dachte wirklich, dass er bald kollabieren werde. Spätestens zu diesem Zeitpunkt war man sich nicht mehr wirklich sicher, ob diese neue Art der Gladiatorenkämpfe noch vertretbar ist. Ich persönlich hatte Respekt vor der Willenskraft von Ralf aber gleichzeitig tat es mir auch unendlich Leid, dass das Schicksal eines kranken Babys derart im TV ausgeschlachtet werden muss. Fakt ist allerdings, dass Ralf nach dieser Aktion die Sympathien des Publikums auf seiner Seite hatte und alle anderen Kandidaten gegen diese Aktion nur noch halb so interessant erschienen. Im Zuschauer- wie auch Online-Voting bekam Ralf die volle Punktzahl. Die Sache schien klar, denn die Mehrheit hatte sich schon für den Sieger der Show entschieden. Schließlich haben Anrufer ja sogar dafür bezahlt, abstimmen zu können. Jetzt kommt aber der Haken: es gab noch ein weiteres Voting, das die Kandidaten untereinander, öffentlich und live während der Show vollzogen. Die Reihenfolge, wer wann abstimmen darf, wurde zwar ausgelost, dennoch durfte jeder Kandidat öffentlich vier Punkte an andere verteilen, nachdem die Ergebnisse der Zuschauer schon bekannt waren. Folge war eine äußerst taktische Verteilung der Punkte, so dass sich das ursprüngliche Ranking nochmals fast komplett änderte. Bis zum Schluss lag Ralf dennoch knapp auf Platz 1 bis die letzten Kandidaten, die Rockband GIFT, alle ihre Punkte an den Breakdancer Benedikt gaben. Somit rückte dieser auf den ersten Platz und gewann die Show. Fassungslosigkeit war sofort beim Publikum und sogar bei den Moderatoren spürbar.

Entrüstung der Zuschauer

Nun ging diese Show nicht so aus, wie es die Mehrheit der Zuschauer sich gewünscht hatte. Die Sendung hat das Motto, einen Millionär demokratisch wählen zu lassen. Demokratie schließt unter anderem das Mehrheitsprinzip ein. Wenn die Entscheidung von vielen Menschen allerdings durch eine Stimme komplett geändert werden kann, ist dieses Prinzip wohl nicht mehr vorhanden. Die Zuschauer hatten schon während der laufenden Show viel zu meckern: „langweiliger als Wetten dass…“, „das schaue ich mir nicht mehr an“ oder „so ein Unfug“ waren nur einige Kommentare, die über soziale Netzwerke verbreitet wurden. Am Ende kam die Entrüstung der verbliebenen Zuschauer über ihre scheinbare Verballhornung im vollen Maße auf allen Kanälen zum Ausdruck.

Dieses Posting wurde kurz nach der Veröffentlichung wieder entfernt.

Dieses Posting wurde kurz nach der Veröffentlichung wieder entfernt.

Dem Patenonkel mit dem kranken Baby, der sich selbst so sehr überwinden musste, hatte die Mehrheit die Millionen eher gegönnt als dem Breakdancer. Weiterhin hörte das Verständnis für die Art der Wahl bei den Zuschauern hier auf. Nachdem sich das Ranking nochmals komplett änderte, wofür also überhaupt die Zuschauer befragen? Auf Grund dieser Tatsache war der Shitstorm auf sämtlichen Kanälen vorprogrammiert. Millionärswahl Twitter Die Stimmung war ohnehin schon schlecht und dies war der Tropfen, der das Fass zum Überlaufen brachte. Egal ob auf Twitter oder der Facebook-Fanseiten von ProSieben und der Millionärswahl. Die Menschen sprachen sich gegen diese Art der Wahl aus. Typisch für einen Shitstorm war hier die Aufschauklung der Masse, Wut und die deutliche Tendenz zu unsachlichen Äußerungen. ProSieben versuchte zunächst noch mit Humor darauf zu reagieren. Dies konnte allerdings die User weder besänftigen noch belustigen. Schnell wurde gegen die Band GIFT, die für die letzte Stimmvergabe verantwortlich war und auch gegen den Gewinner Benedikt gehetzt. Selbst von Medienunternehmen wurde die Sendung auf recht unsachliche Art und Weise auseinandergenommen. ProSieben versuchte mit dem Verweis auf das Spendenkonto für das Projekt „Alles für Neele“ und des Versprechens der Unterstützung die Wogen zu glätten. Das Posting dazu wurde allerdings kurz darauf wieder gelöscht, da die Entrüstung der Menschen sofort weiter ging. Aktuell gibt es wieder einen Verweis auf das Spendenkonto und eine Videoansprache vom Moderator Elton, den Teilnehmern Ralf, Benedikt und Beast Brothers, die die Menschen beschwichtigen sollte. Dies war auch eher kontraproduktiv. Ralf selbst stieg daraufhin mit in die Kommunikation auf Facebook ein und versuchte diese zu beschwichtigen. Mittlerweile beschränkt sich der Zorn der User nur noch auf das Format der Sendung und weniger auf die Teilnehmer.

Fazit

Was gestern in Bezug auf das Format Millionärswahl passierte, ist einmal wieder ein sehr gutes Beispiel für die Relevanz der Masse in Social Media. Menschen machen ihrem Unmut öffentlich Luft und erhöhen den Druck auf Unternehmen. Im Falle von ProSieben wurde heute noch reagiert: das Wahlsystem wird geändert und das schon ab der heutigen Sendung. Änderung Wahl ProSieben

Diese Reaktion seitens des Senders ist sehr gut aber auch dringend notwendig, um Schadensbegrenzung für das Format betreiben zu können. Es bleibt abzuwarten, wie sich die Stimmung weiter entwickelt und inwiefern das Wahlverfahren bei der heutigen Sendung geändert werden wird.

Bilder: Millionärswahl.de und eigene Quelle

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